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Scharfsinn und Provokation – Kontinuität und Diskontinuität

Ein Interview mit Gisela Bock

Johanna Gehmacher: Sehr geehrte Frau Bock, Sie sind eine der ersten, vielleicht die erste Forscherin im deutschen Sprachraum, die sich aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive mit Texten von Käthe Schirmacher beschäftigt hat. Wann sind Sie Schirmachers Arbeiten zum ersten Mal begegnet?

Gisela Bock: Das war in der Zeit, als ich über nordamerikanische Geschichte arbeitete (1971-1976), zuerst über einen anarcho-syndikalistischen Teil der Arbeiterbewegung, in dem auch viele Frauen aktiv waren, und dann über die Geschichte der Hausarbeit in den USA, das war 1974-77. Dabei stieß ich auf einige Stimmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, denen zufolge die Stellung der Frau primär durch ihre häuslichen (reproduktiven, Versorgungs-, Familien- und gar sexuelle) Tätigkeiten bestimmt war. Dabei handle es sich um unbezahlte Arbeit, und manche forderten ihre Entlohnung. 1975 stieß ich auch auf Käthe Schirmachers Text von 1905 über Die Frauenarbeit im Hause, in dem sie provokativ deren Bezahlung fordert (zit. in der Anm. 69 des Textes Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit von 1976, während einige der amerikanischen Stimmen in meiner Einleitung zu dem Klassiker von Eleanor Flexner genannt sind, im letzten Abschnitt). Schirmachers Text erschien dann 1979 auch in der Anthologie von Gisela Brinker-Gabler, die inzwischen selbst wieder ein Stück Frauen(for­schungs)­geschichte geworden ist; hier war er besser für meine Seminare verwendbar. Kurz zuvor war allerdings die Kampagne "Lohn für/gegen Hausarbeit" ad acta gelegt worden, und nachdem die internationale Kampagne in den Jahren 1974-1976 eine Art Höhepunkt erfahren hatte, geriet sie 1977 in eine Krise und löste sich 1978 auf.

JG: An dieser Kampagne waren Sie in Deutschland an zentraler Stelle beteiligt, Sie haben die Gruppe „Lohn für Hausarbeit“ in Berlin initiiert. Welche Argumente standen damals im Zentrum?

GB: Es gibt neuerdings eine erste historische Darstellung jener internationalen Kampagne: das vorzügliche Buch der Kanadierin Louise Toupin von 2015. Ich hatte mit dieser Kampagne, die 1972 in der Form des „Internationalen feministischen Kollektivs“ von Italien ausging, von Anfang an viel zu tun, weil ich lange in Italien gelebt hatte und 1973 den Grundlagentext ins Deutsche übersetzt habe; das war der bald berühmt werdende Text von Mariarosa Dalla Costa Die Frauen und der gesellschaftliche Umsturz, der zusammen mit zwei Texten von Selma James unter dem Titel Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft 1972 publiziert wurde (zuerst auf Italienisch, dann auf Englisch). Bald wurde er, in viele Sprachen übersetzt, zu einem Klassiker der internationalen Frauenbewegung der 1970er Jahre, als wichtige Alternative zu traditionellen (links- wie liberalfeministischen) Vorstellungen von Frauenemanzipation. Auch in der deutschen Frauenbewegung wurde er viel gelesen, und in dem 1973 gegründeten Berliner Frauenzentrum, in dem ich damals aktiv war, wurde von Anfang an darüber und über die Perspektive Lohn für Hausarbeit diskutiert.

Aber erst 1975, nachdem ich von einem einjährigen Studienaufenthalt in den USA zurückkam – hier hatte ich ein breites Netzwerk von „wages for housework“-Gruppen kennengelernt –, entstand die Berliner Lohn-für-Haus­arbeits­gruppe als Teil der internationalen Kampagne; bald, aber teils auch schon vorher, gab es zudem Gruppen (z.B.) in Bremen, München, Frankfurt a.M. Mein eigenes Engagement war zugleich politisch und historio­gra­phisch, und so kam es zu dem Text von Barbara Duden und mir: Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit, über die Entstehung der modernen Hausarbeit im 19. und 20. Jahrhundert, vor allem in den USA und im Kontrast zur Frühen Neuzeit; meinen Anteil daran hatte ich im Juni 1976 auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien vorgetragen, dann im Juli zusammen mit Barbara auf der (ersten) Sommeruniversität für Frauen. In diesen Jahren (ca. 1972-1978) habe ich versucht, außeruniversitäres feministisches Engagement (mit Fokus auf die vielfältigen Aktivitäten des Frauenzentrums Berlin) zu kombinieren mit meiner universitären Tätigkeit als Historikerin. Es ging mir – wie vielen anderen – darum, Fragen und Impulse, die von der Frauenbefreiungsbewegung aufgeworfen wurden, in historische Forschungsfragen zu übersetzen, um Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen. Das war Anfang der 1970er Jahre noch keineswegs selbstverständlich, und erst ab 1977/78 konzentrierte ich mich gänzlich auf die Frauengeschichtsbewegung, die inzwischen – international – entstanden war, sowie auf feministisches Engagement innerhalb der Universität.

Im Zuge der Lohn-für-Hausarbeits-Kampagne habe ich 1976 und 1977 in der Zeitschrift Courage und dann 1977 auf der 2. Sommeruniversität für Frauen unsere Positionen dargelegt, zusammen mit Barbara Duden und diversen anderen („schwarzen“ wie „weißen“, lesbischen wie heterosexuellen Frauen aus Deutschland, Britannien und Italien). Es ist schwierig zu bestimmen, welche Argumente damals im Zentrum standen, denn sie konnten unterschiedlich sein, je nach den Frauensituationen, die – und deren Vielfalt – jeweils thematisiert wurden: von „Nur“-Hausfrauen und Berufstätigen, die ebenfalls Hausarbeit machen, über Lesben und Prostituierte bis zu Frauen der „Dritten Welt“. Aber als zentral kann man folgende sechs Punkte nennen, die in der Theorie und in der Praxis der Kampagne deutlich wurden:

1) Die „Hausfrauen“, also diejenigen Frauen, die im Haus, aber immer auch außerhalb des Hauses tätig sind, besorgen die Produktion und Reproduktion der gesellschaftlichen Arbeitskraft, und zwar nicht nur in den industrialisierten Ländern, sondern im Weltmaßstab. Diese Tätigkeit ist weder „weibliche Natur“ noch „Arbeit aus Liebe“, sondern wahrhafte Arbeit, die aus einer unglaublichen Vielzahl von Arbeiten besteht und sowohl harte körperliche Mühsal als auch – und vor allem – die Lebens- und Beziehungsqualität betrifft (heutzutage „Sorge-Arbeit“ oder „care work“ genannt, aber auch Sex-Arbeit), in Bezug auf Kinder ebenso wie auf Frauen und Männer, Junge wie Alte. 2) Sie ist Arbeit, obwohl sie nicht bezahlt wird und obwohl (oder: weil) in der Moderne bzw. im Kapitalismus nur das als wirkliche Arbeit zählt, was bezahlt bzw. entlohnt wird. Und: sie ist um so mehr Arbeit, als sie eben nicht entlohnt wird. Die Unbezahltheit der weiblichen Arbeit rückt ins Zentrum der Wahrnehmung und Analyse, weil die Gesellschaft ohne sie nicht funktionieren könnte. Außerdem ist sie letztlich der Grund dafür, dass auch die weiblichen Erwerbstätigen schlechter gestellt sind als erwerbstätige Männer (man denke etwa an Erzieherinnen), oder mit dem damaligen Slogan: „Auch Berufstätigkeit macht nicht frei!“ 3) Die Analyse dieser Arbeit (aber auch die politische Praxis der Gruppen) wurde von Anfang an global gesehen und bezog sich auf sämtliche unbezahlte Arbeit – sowohl was etwa die Subsistenzwirtschaft in der „Dritten Welt“ betraf als auch die eventuelle Hausarbeit von Männern. 4) Die genannten Autorinnen verstanden ihre Analyse als einen „marxistischen Feminismus“ und setzten sich scharf ab vom traditionellen Marxismus oder „sozialistischen Feminismus“. In diesem Sinn ist die unbezahlte, vorwiegend weibliche Arbeit das Herz des Kapitalismus – im krassen Gegensatz zu den sonstigen Kapitalismus-Analysen, welche die weibliche (Haus-)Arbeit als un- oder vor-kapitalistisch sehen oder sie außerhalb des Kapitalismus verorten (und zwar bis heute). Nicht alle Anhängerinnen der Lohn-für-Hausarbeits-Argu­men­tation haben diese „marxistische“ Dimension gleichermaßen stark hervorgehoben wie die drei Initiatorinnen Dalla Costa, James und Silvia Federici. 5) Aus all dem ergibt sich die Forderung nach Lohn für (oder, wie es oft hieß: gegen) Hausarbeit, als Teil des feministischen Kampfes gegen die unbezahlte Hausarbeit. „Lohn“ hieß hier natürlich Geld (konkret ging es um Renten und Kindergeld für Frauen, Sozialleistungen und vieles andere mehr), aber es ging nicht nur darum, sondern auch um allgemeine wirtschaftliche, soziale und politische Anerkennung der weiblichen Tätigkeit. Um diese Forderung gab es wilde Debatten, unter Feminist/inn/en wie Nicht-Feminist/inn/en, und bald gab es kaum mehr eine Darstellung der Perspektive „Lohn für Hausarbeit“, in der nicht auch die Gegenargumente dagegen gehalten wurden; Louise Toupin macht das gleich zu Beginn ihres Buchs, und heutzutage ist das Internet voll davon; ich brauche das also jetzt nicht auszuführen. 6) Wesentlich erscheint mir klarzustellen, dass es bei der Forderung nach Entlohnung der Hausarbeit auch in einem anderen Sinn nicht „nur“ um Geld ging: Es ging vielmehr um eine umfassende, die gesamte Gesellschaft betreffende, in Frage stellende und auf radikale Veränderung zielende Perspektive (der „Umsturz der Gesellschaft“, wie er im Titel des Klassikers formuliert ist, hieß ursprünglich, weitaus subtiler, „sovversione sociale“ oder „subversion of the community“, und heute würde ich ihn mit „Subversion“ übersetzen, während die gemeinte „Gesellschaft“ bzw. „community“ darauf zielt, dass nicht nur „die Fabriken“ als von Männern dominierte Welt in Frage gestellt werden, sondern vor allem die weiblichen Lebenswelten). Diese immer wiederholte Betonung der Perspektive (bzw. Lohn für Hausarbeit als Strategie) hatte eine besondere Bedeutung für das oben genannte Ende der Kampagne: Man war oder wurde sich uneins darüber, ob „Lohn für/gegen Hausarbeit“ als Mittel von Selbsterfahrung (consciousness-raising) bzw. als Mobilisierungsforderung gesehen werden sollte, eben als Perspektive, die zahlreiche Einzelforderungen einschloss, die auch von der umfassenderen feministischen Bewegung aufgestellt wurden, oder aber, ob es eine wahrhaft materielle Forderung war, die zu entsprechenden politischen Kämpfen führen musste.

JG: Wurde in dieser internationalen – insbesondere in Italien, den USA und Deutschland entwickelten - Kampagne auch auf historische Beispiele Bezug genommen?

GB: Was die Länder betrifft, in denen entsprechende Gruppen aktiv wurden: Mitte der 1970er Jahre erregten sie auch in Britannien und in Kanada besonderes Aufsehen. In Britannien war die Kampagne 1972 (in Kanada 1975) von Müttern ausgegangen, die – meist von Sozialhilfe lebend und alleinerziehend – dagegen kämpften, dass die Konservative Partei das Kindergeld, das hier an die Mütter ausbezahlt wurde, streichen wollte. Sie waren erfolgreich, und das „Internationale feministische Kollektiv“ trug zu dem Erfolg bei: Es gab eine Massenmobilisierung von Frauen, das Kindergeld wurde erhöht statt abgeschafft, und es wurde als partielle Entlohnung von Mütterarbeit verstanden.

Geschichte bzw. der Blick auf die Vergangenheit spielte schon anfangs eine wichtige Rolle, aber mehr in allgemeiner Hinsicht, hauptsächlich mit Blick auf die Frühe Neuzeit, und nicht so sehr in Bezug auf Individuen und die spätere Frauenbewegung; so etwa in Barbara Dudens Beitrag zu unserem Text von 1976 und 1977 in ihrem Beitrag zu „Frauen, Staat und Widerstand in den Anfängen des Kapitalismus“ auf der 2. Berliner Sommeruniversität. Aber noch wichtiger, jedenfalls für die damals aktuellen Kämpfe, war die Entdeckung, dass in der klassischen (der sog. „ersten“) Frauenbewegung die Hausarbeit ein großes Thema war und insbesondere die Tatsache, dass über sie die primäre Ausbeutung von Frauen lief, die sich in der sekundären, nämlich der Unterbezahlung der weiblichen Erwerbstätigkeit fortsetzte. Ansätze zur Analyse dieses Zusammenhangs gibt es z.B. bei Alice Salomon, die 1906 mit einer Schrift zur Lohndifferenz zwischen erwerbstätigen Frauen und Männern promoviert wurde, in Henriette Fürths Schriften zu Hausfrauen, in Käthe Schirmachers frühen Schriften, und vor allem in zahlreichen Plädoyers der Vorkriegszeit, in denen Geld für (junge) Mütter gefordert wurde, vor allem in der Form von Mutterschaftsversicherungen; hierfür setzten sich auch die radikale Anita Augspurg und die Sozialdemokratinnen Henriette Fürth und Lily Braun ein.

Diejenige Feministin allerdings, die mit diesem Thema langfristig Furore machte, war die Britin Eleanor Rathbone, die schon vor und dann besonders während des Ersten Weltkriegs eine Bezahlung von Haus- und Mutterarbeit konzipierte. Nach dem Krieg, als sie Präsidentin des wichtigsten britisch-fe­mi­nistischen Verbands und unabhängige Parlamentsabgeordnete wurde, initiierte sie eine Kampagne für „motherhood endowment“ (später „family allowances“, heute „child benefit“), das Müttern für ihre Arbeit zustehe, und Rathbones lebenslanges theoretisches wie praktisches Engagement war der Hauptgrund dafür, dass solche Zahlungen 1945 eingeführt wurden. Nicht zufällig wurde sie 1973, als die Leistungen gestrichen werden sollten und britische Frauen zu rebellieren begannen, von der Lohn-für-Hausarbeits-Kampagne wiederentdeckt, und ihre einst berühmte und jetzt vergessene Schrift von 1924 wurde von Suzie Fleming neu herausgegeben. Bald kümmerte sich auch die solide Geschichtswissenschaft um sie, und das beste Werk stammt von Susan Pederson.

Louise Toupin, die in ihrem Buch von 2015 auch einige „Großmütter“ der Kampagne um „Lohn für Hausarbeit“ nennt, präsentiert Rathbone als die wichtigste von ihnen. Doch die Forderung nach einem Lohn oder Gehalt vor allem für diejenige Arbeit, die Mütter an ihren Kinder verrichten – in der Theorie heißt das „die Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft“ –, wurde immer wieder aufgestellt. Wir sehen also ein immer wieder erneuertes Aufflammen dieser Diskurse und Praktiken seit dem späten 19. Jahrhundert, wenn auch ihr zeitlicher Ablauf, ihre Höhe- und Tiefpunkte in diversen Ländern durchaus verschieden waren. Ich würde hier nicht von „Kontinuität“ sprechen, denn als Historikerin sehe ich Kontinuität nur dort, wo es auch diachrone Verbindungslinien gibt. Vielmehr meine ich – und übernehme eine Formulierung der Historikerin Gerda Lerner, die gerade die Diskontinuität feministischer Proteste und Analysen über Jahrhunderte hinweg beschreibt – das Phänomen, dass feministische Frauen immer wieder „das Rad neu erfinden“ mussten (The Creation of Feminist Consciousness, 1993, deutsch 1998).

JG: Mir ist in den Texten in der Courage aufgefallen, dass Sie zwar immer wieder Bezüge zu internationalen Entwicklungen herstellen, aber eine Vorgeschichte in der deutschen Frauenbewegung der Jahrhundertwende ist meiner Wahrnehmung nach kein Thema. Waren Sie überrascht, als Sie die intensive und kontroverse Auseinandersetzung von deutschen Feministinnen der Jahrhundertwende mit Fragen der Hausarbeit entdeckt haben?

GB: Ich denke schon, aber als Historikerin, die zusammen mit vielen anderen dabei ist, die Geschichte von Frauen wiederzuentdecken, habe ich mich bald nicht mehr gewundert. Und den in meinen Augen wichtigsten Aufsatz zu der Auseinandersetzung in der „alten“ deutschen Frauenbewegung habe ich in meinen Sammelband über Mutterschaft und Geschlechterpolitik in der Entstehung der europäischen Sozialstaaten (1991) aufgenommen, wo die entsprechenden Auseinandersetzungen und Politiken in sieben europäischen Ländern vergleichend analysiert werden. Im Zentrum steht hier der Slogan, aufgekommen um 1890, von „Mutterschaft als sozialer Funktion“ – also das Gegenteil von „Natur“ oder von „Arbeit aus Liebe“. Besonders in Frankreich forderten viele Feministinnen seit den 1880er Jahren die Entlohnung dieser „sozialen Funktion“. Der genannte Aufsatz stammt von Irene Stoehr und ist in Deutschland leider kaum rezipiert worden (wie im übrigen der ganze Band), eben weil er auf Englisch erschienen ist. Und doch hatte Irene schon zehn Jahre vorher auf die deutsche Lohn-für-Hausarbeits-Debatte vor dem Ersten Weltkrieg aufmerksam gemacht (in der Zeitschrift Courage).

JG: Haben Sie sich in der Folge mit den Arbeiten von Käthe Schirmacher beschäftigt?

GB: Abgesehen von ihren politökonomischen Schriften, die mich sehr beeindruckt haben, habe ich einiges andere von ihr gelesen, was ich aber weniger spannend fand. Und nach der nordamerikanischen Geschichte beschäftigte ich mich mit der von Frauen und Geschlechterpolitik im Nationalsozialismus, hatte also wieder keine Zeit für Schirmacher. In den 1990er Jahren begegnete ich ihr wieder, als ich die Studie von Marianne Beese betreute, die hauptsächlich die Rostockerin Laura Witte behandelte und dabei auch Schirmacher und Klara Schleker, die zusammen in Mecklenburg lebten. Nach meiner Zeit in Bielefeld, also ab 1997, als ich in Berlin eine Stelle für westeuropäische Geschichte hatte, und besonders seit meinem Jahr an der Central European University in Budapest 2000/2001 habe ich mich vor allem für den west- und südeuropäischen Kolonialismus bzw. "Gender and Empire" interessiert.

JG: Sie haben aber doch an zentralen Stellen – in dem Band über „Frauen in der europäischen Geschichte“ und dem Text über Mutterschaft in den europäischen Sozialstaaten, erschienen in der „Geschichte der Frauen“ – eine ausführliche und differenzierte Analyse zu Schirmachers Stellungnahmen zur Hausarbeit von Frauen vorgelegt und sie damit in einer neuen Weise in die Frauenbewegungsgeschichte eingeschrieben. Denken Sie, dass Schirmacher damals eine singuläre Position eingenommen hat oder Teil einer größeren Bewegung war?

GB: In der Klarheit und Radikalität der Texte Schirmachers von 1905 und 1912 (auf die sie meines Wissens später nie wieder zurückgekommen ist) erscheint sie mir durchaus singulär, jedenfalls innerhalb Deutschlands, wenn auch keineswegs im Vergleich mit anderen Ländern. Andererseits gab es aber auch in Deutschland eine breitere Debatte, wie die Studien von Irene Stoehr zeigen. Jedenfalls freut es mich, wenn ich Schirmacher „eingeschrieben“ habe.

Charakteristisch ist es, dass Louise Toupin in ihrem Buch von 2015 Schirmacher nicht erwähnt. Das hat vermutlich folgenden Grund: Bei aller Wertschätzung von Schirmachers Scharfsinn und Provokation – ob man nun die Singularität ihrer beiden Texte hervorheben möchte oder ihre Positionierung in einer breiteren Debatte – muss man doch sagen, dass ihr Engagement weit zurückstand hinter demjenigen von Rathbone, die dreißig Jahre lang wahrhaft kämpfte, bis 1945 die „family allowances“ kamen; zuerst sollten sie sogar für die Väter sein, und Rathbones letzter und erfolgreicher Kampf war es, sie den Frauen zukommen zu lassen; nur wenig später starb sie. Überdies attackierte Rathbone in den 1930er Jahren den Antisemitismus, ebenso wie die Grundsätze der Eugeniker. Schirmacher hingegen kämpfte allenfalls literarisch und übernahm zudem völkisch-antisemitische Positionen. Also geradezu ein Kontrastprogramm.

Ein weiterer Grund dafür, dass unter den länderübergreifenden „Großmüttern“ der Lohn-für-Hausarbeits-Forderung deutsche Frauen keine so große Rolle spielen wie außerdeutsche, liegt darin, dass in Deutschland die feministische Debatte zu dem Thema vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen oder abgebrochen wurde. Während der Weimarer Republik spielte sie keinerlei Rolle mehr, während in Britannien und Frankreich das Thema Leistungen für Mütter gerade zu dieser Zeit und auch weiterhin hohe politische Wellen schlug.

JG: Sie sagten, dass Sie von Schirmacher anderes als den Weg ins extreme rechte Lager erwartet hätten – denken Sie, dass diese Entwicklung (auch) etwas mit Schirmachers Beschäftigung mit der Hausarbeit zu tun gehabt haben könnte?

GB: Mit den „Erwartungen“ spielen Sie auf eine lange vergangene Zeit an, etwa 1975, aber ich wusste auch damals schon von Schirmachers Hinwendung zum Völkisch-Rassistischen. In der Tat halte ich ihre Entwicklung zwar für extrem bedauerlich, aber nicht für logisch oder gar zwingend; ich halte sie für gänzlich situativ bedingt, nicht ihrem Feminismus geschuldet, sondern ihren sonstigen Interessen sowie den politischen Umständen und Bewegungen der Vorkriegs- und Kriegsjahre. Aber Sie wissen das im Detail besser, als Resultat Ihres Schirmacher-Projekts.

Dass jedoch Schirmachers Entwicklung zu nationalistisch-alldeut­schen Positionen mit ihrer Befassung mit Hausarbeit zu tun gehabt hätte, halte ich für abwegig. Erstens kenne ich (oder zugespitzt: gibt es) keinerlei Belege, welche diese These stützen. Zweitens gab (und gibt) es im „rechten Lager“ niemanden, der oder die sich Schirmachers Hausarbeits-Analyse zu eigen gemacht hätte. Es gab in diesem Lager (erst recht in seiner „extremen“ Gestalt) niemanden, der die Unbezahltheit der Hausarbeit beklagt und Lohn für Hausarbeit eingefordert hätte; zwar gab es nach dem Ersten Weltkrieg bevölkerungspolitisch-eugenische Tendenzen, welche die Geburtenrate bei „Wertvollen“ mit Geldanreizen fördern (und sie bei „Minderwertigen“ durch Schlechterstellung reduzieren) wollten – aber das waren niemals Gelder für Hausarbeiterinnen, sondern allenfalls für Männer in ihrer Eigenschaft als „Ernährer“ oder „Familienoberhaupt“. Drittens: Die feministischen Stellungnahmen inner- wie außerhalb Deutschlands, damals und neuerdings, zu der einen oder anderen Art von Finanzleistungen für hausarbeitende Frauen habe ich schon vorhin kommentiert: Keine positionierte sich rechts, die meisten dieser Stimmen waren, wie auch die frühe von Schirmacher, im politischen Spektrum liberal, links oder unabhängig. Viertens: Wenn heute jene These zuweilen aufgestellt wird, so handelt es sich um eine Rückprojektion von Menschen, inklusive Feministinnen, welche die allgemeine Geringschätzung von Hausarbeit teilen, sich gegen „Lohn für Hausarbeit“ aussprechen und diese Forderung als „reaktionär“ einstufen. Aber Reaktionäre und Konservative haben sie niemals aufgestellt, geschweige denn implementiert, keine der rechten Diktaturen und Parteien in Europa hatte etwas mit ihr zu tun. Fünftens: Die Betonung der Unbezahltheit von Hausarbeit und die Forderung nach ihrer Bezahlung oder Entlohnung war eine genuin feministische, die sich gegen die Emanzipationsvorstellungen der traditionellen Linken richtete. Viele ihrer Vertreterinnen mobilisierten auch Marx für ihre Zwecke (ich meine: wenig erfolgreich) und gaben sich marxistisch. Heute, wo die Kampagne längst passée ist, häusliche Arbeit im Vergleich mit den 1960er Jahren großenteils umstrukturiert ist (wenn auch, wie Studien zeigen, die Kloreinigung immer noch Frauensache ist), wo aufgrund privater Aushandlungen auch schon Männer das Babywickeln übernehmen (inzwischen gibt es sogar Geld dafür!) und die Kleinkinder möglichst preisgünstig ausgelagert werden (zu anderen Frauen, die schlecht entlohnt werden) – heute haben sich viele der einstigen Militantinnen nicht etwa dem rechten Lager zugewandt, sondern den antikapitalistischen Attac- und Occupy-Bewe­gun­gen und den Zuständen außerhalb Europas.


Im Interview erwähnte Literatur:

Marianna Beese: Familie, Frauenbewegung und Gesellschaft in Mecklenburg 1870-1920, Neuer Hochschulschriftenverlag Rostock, Rostock 1999

Gisela Bock/Barbara Duden: Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit: zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus, in: Berliner Dozentinnengruppe (Hg.), Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976, Courage Verlag, Berlin 1977, S. 118-199. Zugänglich in: http://www.fragen.nu/atria/fragen

Gisela Bock: Beiträge zu „Lohn für Hausarbeit“ in Courage. Berliner Frauenzeitung: Lohn für Hausarbeit und die Macht der Frauen, oder Feminismus und Geld (Nr. 1, Sept. 1976, 27-28); dies., Auch in Deutschland gibt es jetzt eine Kampagne um Lohn für Hausarbeit vom Staat für alle Frauen (2. Jg., März 1977, 16-19, zus. mit Pieke Biermann: = Einleitung zum Schwerpunkt „Lohn für Hausarbeit“, 16-29)

Lohn für Hausarbeit, Schwerpunktthema in: Frauen als bezahlte und unbezahlte Arbeitskräfte. Beiträge zur 2. Berliner Sommeruniversität für Frauen. Okt. 1977 (hg. v. Dokumentations­gruppe der Berliner Sommeruniversität e.V.), Berlin 1978, 168-218. Darin Gisela Bock, Einleitung, 168f., und dies., Lohn für Hausarbeit – Frauenkämpfe und feministische Strategie, 206-214; weitere Beiträge von Ruth Hall, Margaret Prescod-Roberts, Pieke Biermann, Polda Fortunati, Barbara Duden, Mona Glökler

Gisela Bock: Frauenarbeit und Frauenbewegung in den USA, Einl. zu: Eleanor Flexner, Hundert Jahre Kampf. Die Geschichte der Frauenrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten, übers. von mir zus. mit Pieke Biermann, Syndikat Verlag, Frankfurt a.M. 1978

Gisela Bock: Weibliche Armut, Mutterschaft und Rechte von Müttern in der Entstehung des Wohlfahrtsstaats, 1890-1960, in: Georges Duby & Michelle Perrot (Hg.), Frauen in der Geschichte, 5 Bde., 5. Bd.: 20. Jahrhundert, hg. von Françoise Thébaud, Frankfurt a.M. 1995, 427-62; auch in: dies., Geschlechtergeschichten, 259-301

Gisela Bock: Frauen in der europäischen Geschichte, München 2000, durchgesehene Neuauflage: 2005

Gisela Bock: Geschlechtergeschichten der Neuzeit: Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, darin: Labor of Love. Zur Entstehung der Hausarbeit in den Vereinigten Staaten [1976], 243-258

Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Frauenarbeit und Beruf, Frankfurt/Main 1979

Mariarosa Dalla Costa/Selma James: Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft (Internationale marxistische Diskussion 36), Berlin 1973, 1975, 1978

Suzie Fleming: The Family Allowance under Attack, Bristol 1973

Susan Pedersen: Eleanor Rathbone and the Politics of Conscience, New Haven 2004

Eleanor Rathbone: The Disinherited Family: A Plea for Direct Provision for the Costs of Child Maintenance through Family Allowances, London 1924, 31927, Neuausgabe hg. u. eingeleitet v. Suzie Fleming, Bristol 1986

Käthe Schirmacher: Die Frauenarbeit im Hause, ihre ökonomische, rechtliche und soziale Wertung, Leipzig 1905

Käthe Schirmacher: Wie und in welchem Maße läßt sich die Wertung der Frauenarbeit steigern? Gautzsch bei Leipzig 1912

Alice Salomon: Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit, Berlin 1906

Irene Stoehr: Housework and motherhood: debates and policies in the women’s movement in Imperial Germany and the Weimar Republic, in: Gisela Bock/Pat Thane (Hg.), Maternity and Gender Policies. Women and the Rise of the European Welfare States 1880s-1950s, London 1991, S. 213-232

Irene Stoehr: Ein sozialpolitischer Treppenwitz? Lohn für Hausarbeit 1905, in: Courage. Berliner Frauenzeitung, Jg. 6, Heft 5 (1981), S. 34-39, URL: http://library.fes.de/cgi-bin/courage.pl?id=07.00946&dok=198105&f=198105_034&l=198105_039

Louise Toupin: Le salaire au travail ménager. Chronique d'une lutte féministe internationale, 1972-1977, Montréal 2015


Zitierempfehlung:

Scharfsinn und Provokation – Kontinuität und Diskontinuität. Ein Interview mit Gisela Bock, in: Die vielen Biographien der Käthe Schirmacher – eine virtuelle Konferenz, URL: http://schirmacherproject.univie.ac.at/die-vielen-biographien-der-kaethe-schirmacher/statements/gisela-bock/

Readertext

Gisela Bock, Bürgerrechte und Mütterrechte, in: Dies., Frauen in der Europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2005, 216-231.

// Verweise zu Publikationen der Statement-Autor_innen zu Käthe Schirmacher finden sich unter Literatur. //

Biographische Notiz

Prof. Dr. Gisela Bock zählt zu den Pionierinnen der internationalen Frauen- und Geschlechtergeschichte. Zu ihren Forschungsgebieten gehören u.a. der Sozialstaat im internationalen Vergleich, Geschlechtergeschichte seit dem 16. Jahrhundert, Nationalsozialismus (insbesondere Rassenpolitik, Holocaust und Frauengeschichte) sowie die Geschichte der Menschenrechte. Sie ist emeritiert und lehrte Geschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, an der Universität Bielefeld und an der Freien Universität Berlin.

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