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Käthe Schirmacher und die Konflikte um den Abolitionismus im Flügel der radikalen Frauenbewegung

von Kerstin Wolff

In der Geschichte der deutschen Frauenbewegung der Zeit um 1900 ist Käthe Schirmacher vor allem als Mitglied des sogenannten „radikalen Flügels“ bekannt geworden und auch mir selber ist sie zuerst in dieser Funktion begegnet. Allerdings spielt sie auch innerhalb der Geschichte des deutschen Abolitionismus eine bedeutende Rolle und auch als unermüdliche Schriftstellerin und Publizistin ist sie in den Beständen der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung bekannt. Ihre breite Publikationstätigkeit, die Klarheit und Prägnanz ihrer Argumentation ist auch ein Grund dafür, dass immer wieder Texte von ihr in der hauseigenen Zeitschrift Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte abgedruckt werden.

Die radikalen Frauenrechtlerinnen, die sich im Verband Fortschrittlicher Frauenvereine (VFF) zusammenfanden und deren Sprachrohr die Zeitschrift: Die Frauenbewegung war – herausgegeben von Minna Cauer – verstand sich einerseits als Alternative zum BDF, der den Protagonistinnen des VFF zu bürgerlich gemäßigt war, auf der anderen Seite versuchte der VFF aber auch den BDF in seinem Sinne zu beeinflussen.[1] 1899 im Oktober gegründet, wollte der VFF das politische Frauenstimmrecht fördern, die Mädchenbildung an die Knabenbildung angleichen, mit Arbeiterinnenvereinen zusammenarbeiten und vor allem die doppelte Moral und ihre Folgen bekämpfen. Mit diesem Programm, in dem explizit auch die Bekämpfung der Reglementierung der Prostitution genannt wurde, bot sich der VFF als Heimat für den Abolitionismus in Deutschland an.

Die Bewegung des Abolitionismus, die sich für die Abschaffung der Reglementierung der Prostitution einsetzte, war in England durch Josephine Butler gegründet worden und hatte in fast allen Ländern nationale Zweigvereine gründen können; das deutsche Kaiserreich fehlte am Ende des 19. Jahrhunderts allerdings noch.[2] Die Radikalen und hier vor allem Anita Augspurg, Minna Cauer, Lida Gustava Heymann, Anna Pappritz[3] und Käthe Schirmacher waren ab den 1895er Jahren dabei, diesen Umstand zu ändern. Durch Publikationen vor allem in den eigenen Blättern, Skandalisieren der Reglementierungspraxis und vor allem durch persönliche Kontakte zu anderen nationalen AbolitionistInnen versuchten sie die Bewegung nach Deutschland zu holen. Bereits bei der Gründung des VFF hielt Anna Pappritz einen Vortrag zum Prostitutionsthema und sorgte somit dafür, dass dieses Themas als künftiges Arbeitsfeld aufgenommen wurde.[4] Nach einer sehr langen Aussprache in der viele sehr unterschiedliche Meinungen ausgesprochen wurden, nahm der VFF eine Resolution an, in der es hieß: "Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine erklärt im Sinne der Fédération abolitioniste internationale bei den gesetzgebenden Körperschaften und städtischen Behörden für die Aufhebung der staatlichen Reglementierung der Prostitution zu wirken (...)."[5]

Das Thema der staatlich regulierten Prostitution war – wie oben bereits beschrieben – ein internationales. Entstanden war die Bewegung in London, der Hauptgeschäftssitz des Sekretariats war in Genf. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kolleginnen, hatte die in Frankreich lebende Käthe Schirmacher bereits sehr viel früher den organisierten Abolitionismus kennen gelernt. Schon seit 1895 hatte sie Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF) und war dem französischen Zweig beigetreten. Schirmacher stellte damit eine wichtige Brücke für den Ideentransfer des Abolitionismus in das deutsche Kaiserreich dar, da sie die internationalen Strukturen und die die Bewegung tragende Problematik ebenso kannte, wie das „Empfängerland“, in das der Abolitionismus hineingetragen werden sollte. Vor allem durch Publikationen, aber sicher auch durch Gespräche im VFF und mit den Mitgliedern verbreitete sie die Ideen der Bewegung und half so, den Abolitionismus auch in Deutschland heimisch zu machen.[6]

Als der Transfer durch die Radikalen schließlich geglückt war und zwei deutsche abolitionistische Zweigvereine (Berlin und Hamburg) ihre Arbeit 1899 aufnahmen, setzte allerdings – angestoßen durch Anna Pappritz – ein langsamer Prozess der Öffnung des Deutschen Zweiges der IAF in Richtung Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) ein. Anna Pappritz erreichte, dass sie 1902 in den Vorstand des BDF gewählt wurde und die Abolitionistin Katharina Scheven die Sittlichkeitskommission des BDF übernahm.

Dieser Schritt hin zum BDF, bedeutete für Anna Pappritz den (persönlichen) Bruch mit dem VFF, dessen Protagonistinnen es als ‚Verrat‘ ansahen, dass Pappritz den BDF für den Abolitionismus geöffnet hatte. Zwischen 1900 und 1902 gab es unter den Radikalen intensive persönliche Debatten, die sich alle um diesen Punkt drehten. Da Pappritz sich nicht von ihrem Weg abbringen ließ, wandten sich die ehemaligen Weggefährtinnen der Radikalen eine nach der anderen von Pappritz ab. Interessanterweise schloss sich hier Käthe Schirmacher der Politik der Radikalen nicht an. Sie blieb weiterhin mit Pappritz in Kontakt und pflegte ihre Freundschaft zu ihr. Dies bestätigen die Briefe, die Anna Pappritz an Käthe Schirmacher schrieb (die Gegenkorrespondenz ist leider nicht erhalten). Darin wird deutlich, dass Schirmacher nach wie vor die Arbeit der Abolitionistin Pappritz unterstützte (die sich eben im BDF abspielte und nur noch begrenzt im VFF) und dass der Kontakt auch nach dem endgültigen Bruch mit dem VFF nicht abbrach. Im Gegenteil. Aus der Korrespondenz ist zu ersehen, dass Käthe Schirmacher den Einfluss von Pappritz auf den BDF nutzte, um hier Gehör zu finden und dass im Gegenzug Pappritz den Einfluss Schirmachers in die französische abolitionistische Bewegung nutzte, um die deutsche Bewegung ‚auf Kurs zu halten‘.

Briefe aus dem Jahr 1901 – mitten im Konflikt – zeigen z.B., dass Pappritz Schirmacher offen über ihre Schwierigkeiten mit Anita Augspurg berichtete: „(…) rüffelte sie mich, weil ich manchmal privatim mit Persönlichkeiten aus dem anderen Lager verkehre. Ich lasse mir natürlich solche Rüffel nicht gefallen u. vertrete meinen Standpunkt, daß man durch private Aussprache oft mehr wirken kann, als in öffentl. Debatten u. daß, wo es gilt, die Föderation zu fördern, ich stets zu Aussprachen mich bereit finde. In Folge dessen betrachtet man mich mit Mißtrauen im eigenen Lager. Ich trage es wie ein Spleiß(?), aber es reibt auf. Schade, dass Sie nicht hier waren, ich habe Sie sehr vermißt, persönlich u. fachlich.“[7] Aus den Briefen geht hervor, dass für Pappritz Schirmacher stets die französische Abolitionismusexpertin blieb, die eine Art Wegmarke im internationalen Geschäft darstellte, die aber auch die deutschen Besonderheiten kannte und den FranzösInnen die deutsche Situation nahe bringen konnte. So schrieb Pappritz am 18.10.1902 „Ich selbst hatte den lebhaften Wunsch, einmal wieder mit ihnen zu plaudern, doch viel Arbeit u. leider auch häufiges Kranksein hielten mich ab. Sonst hätte ich Ihnen schon längst gedankt f. den Artikel im Bulletin, in dem Sie v. der Arbeit d. deutsch. Zweigs u. speziell des Berliner anschaulich berichten u. den Ausländern einmal klar machen, mit was für Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben.“[8]

Bei Schirmacher versicherte sich Pappritz, dass der deutsche Abolitionismus, der nun mehrheitlich im BDF beheimatet war, anschlussfähig an die französischen AbolitionistInnen blieb, und Pappritz korrigierte notfalls auch ‚nationale‘ Besonderheiten. Besonders deutlich wird dies in der Frage der Anzeigepflicht der Ärzte. Viele deutsche Abolitionistinnen – Pappritz, Augspurg und Heymann – waren der Ansicht, Ärzte müssten verpflichtet werden, geschlechtskranke Personen zu melden. Sie wollten damit verhindern, dass sich andere Personen durch ungeschützten Geschlechtsverkehr ansteckten. Diese deutsche Idee fand international allerdings wenig Begeisterung, denn der Ausbau des staatlichen Eingreifens wurde als Ausbau der Reglementierung verstanden. Auch Schirmacher argumentierte gegen den deutschen Vorschlag, bis sich Pappritz argumentativ wieder an den Kreis der internationalen AbolitionistInnen anschloss. In Deutschland verschärfte sich nach dem Kurswechsel von Pappritz die Situation zwischen Augspurg und Pappritz. Augspurg versuchte das Ausland davon zu überzeugen, dass es Pappritz gewesen sei, die die Anzeigepflicht vorangetrieben habe, während sie schon immer die Anzeigepflicht abgelehnt habe. Dahinter stand der Versuch, die abolitionistische Arbeit des VFF gegen die des BDF auszuspielen. Dass dies nicht gelang, lag auch an dem guten Kontakt zwischen Pappritz und Schirmacher. So erklärte Pappritz Schirmacher in mehreren Briefen, wie die Situation in Deutschland war und bat Schirmacher um Unterstützung und vor allem darum, den deutschen Konflikt nicht auf internationaler Bühne auszubreiten. „Ich bitte Sie darum dringend, diese ganze Angelegenheit, die eine interne des hiesigen Zweigvereins ist, nicht in Lyon an d. große Glocke zu hängen, dies würde nur Verwirrung unter den hiesigen Mitgliedern anrichten, die ich in mühsamer Arbeit zur Anerkennung der Richtigkeit des Standpunktes der Föderation erzogen habe.“[9]

Der Kontakt zwischen Schirmacher und Pappritz war aber keine Einbahnstraße. Auch Schirmacher nutzte ihren Kontakt zu Pappritz, um mit den deutschen Abolitionistinnen in Kontakt zu bleiben und auch immer wieder die Möglichkeit zu haben, in Deutschland zu sprechen. So fragte sie bei Pappritz nach den deutschen VertreterInnen im Exekutivausschuss der IAF nach oder bat sie um Kontakte zu deutschen Abolitionistinnen. Interessant ist, dass Schirmacher die einzige radikale Frauenrechtlerin war, die nicht den Kontakt zu Pappritz abbrach, als diese ihre Aktivitäten in den BDF verlagerte. Die Korrespondenz zeigt, dass Schirmacher ihre Beziehung zu Pappritz nutzte, um sich über die Vorbereitungen zum großen internationalen Frauenkongress 1904 zu informieren und natürlich auch, um daran zu partizipieren.

Die Frage stellt sich, warum die Beziehung zwischen Pappritz und Schirmacher nicht in den Strudel der Auseinandersetzungen innerhalb der radikalen Frauenbewegung geraten ist. Ein wichtiger Punkt dürfte sicher die räumliche Distanz sein. Durch diese war es Schirmacher möglich, sich nicht in die emotionalen Auseinandersetzungen hineinziehen zu lassen. Diese – emotionale wie räumliche Distanz – war es sicher auch, die Schirmacher davon überzeugte, dass ein Übergehen der abolitionistischen Arbeit auf den BDF für die Bewegung gegen die Reglementierung durchaus auch Vorteile brachte. Im Gegensatz zum relativ kleinen VFF war der BDF größer und dadurch auch schlagkräftiger und konnte für den Abolitionismus in Deutschland breitenwirksamer einstehen.

Die Bereitschaft von Schirmacher, sich zusammen mit Pappritz innerhalb des BDF für den Abolitionismus einzusetzen, zeigt aber auch, dass ihr das Arbeitsfeld Abolitionismus wichtiger war, als die ‚richtige‘ Verortung dieser Aufgabe im Fadenkreuz der deutschen Frauenbewegung. Als überzeugte Anhängerin der abolitionistischen Bewegung verknüpfte sie die französische, die deutsche und die internationale Bewegung und hatte damit eine wichtige Brücken- und Vernetzungsfunktion inne. Es zeigt sich aber auch, dass Schirmacher eine besondere Position in der deutschen Frauenbewegung einnahm, eine die aufgrund der räumlichen Distanz aber auch der inhaltlichen Nähe zwischen einer Außenperspektive (aufgrund der räumlichen Distanz) und einer Innenperspektive (aufgrund der inhaltlichen Übereinstimmungen) vermittelte. Diese besondere Rolle noch weiter zu erforschen ist ein spannendes und sicher lohnendes Unterfangen.


[1] Siehe zum VFF: Susanne Kinnebrock, Anita Augspurg (1857-1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik. Eine kommunikationshistorische Biographie, Herbolzheim 2005.

[2] Unter der Reglementierung der Prostitution verstand man ein System polizeilicher Kontrolle, das vor allem mit dem Einschreiben der Frauen als Prostituierte und mit Zwangsuntersuchungen verknüpft war. Eine Frau, die als Prostituierte eingeschrieben war (in sog. Dirnenlisten), verlor partiell ihre bürgerlichen Rechte und schaffte es in den seltensten Fällen, wieder einen „ehrbaren“ Beruf zu ergreifen, da ein Austragen aus den Kontrolllisten nicht vorgesehen war. Siehe: Bettina Kretzschmar, „Gleiche Moral und gleiches Recht für Mann und Frau“. Der deutsche Zweig der Internationalen Abolitionistischen Bewegung (1899-1933), Sulzbach i.Ts. 2014.

[3] Von der Verfasserin wird 2016 eine Monographie zu Anna Pappritz vorgelegt werden.

[4] Die Stellung und die Aufgabe des Verbandes innerhalb des Bundes Deutscher Frauenvereine, in: Die Frauenbewegung 5/21 (11. Nov. 1899), 187.

[5] Ebd.

[6] Zum Transfer des Abolitionismus nach Deutschland siehe auch: Kerstin Wolff, Ein frauenbewegter interkultureller Ideentransfer. Die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und ihre Aneignung des englischen Abolitionismus, in: Wolfgang Gippert/Petra Götte/Elke Kleinau, Hg., Transkulturalität. Gender- und bildungshistorische Perspektiven, Bielefeld 2008, 201-218.

[7] Nachlass Schirmacher, Dok- Nr. 26: Fiche-Nr.: 2/021-023.

[8] Pappritz an Schirmacher am 18.10.1902, Nachlass Schirmacher, Dok- Nr. 4852: Fiche-Nr.: 845/010 – 018.

[9] Pappritz an Schirmacher am 3. Mai 1901, Nachlass Schirmacher, Dok- Nr. 3707: Fiche-Nr.: 619/005.


Zitierempfehlung:

Kerstin Wolff, Käthe Schirmacher und die Konflikte um den Abolitionismus im Flügel der radikalen Frauenbewegung, in: Die vielen Biographien der Käthe Schirmacher - eine virtuelle Konferenz, URL: http://schirmacherproject.univie.ac.at/die-vielen-biographien-der-kaethe-schirmacher/statements/kerstin-wolff/

// Verweise zu Publikationen der Statement-Autor_innen zu Käthe Schirmacher finden sich unter Literatur. //

Biographische Notiz

Dr. Kerstin Wolff, Historikerin, Studium der Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Kassel zwischen 1987-1994. 1995-1998: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel, seit 1999 Forschungsreferentin bei der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel. 2002 Promotion, 2003 Auszeichnung der Arbeit mit dem Elisabeth Selbert Preis des Landes Hessen. Publiziert 2003: "Stadtmütter". Bürgerliche Frauen und ihr Einfluss auf die Kommunalpolitik im 19. Jahrhundert (1860-1900), Königstein/Taunus, Helmer Verlag 2003. Forschungs- und Publikationsschwerpunkte ist die Geschichte der deutschen Frauenbewegung zwischen 1848 und 1970.

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