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"Aus aller Herren Länder." Reiserfahrungen von Käthe Schirmacher

von Ulla Siebert

Mein Aufsatz „Von Anderen, von mir und vom reisen“. Selbst- und Fremdkonstruktionen reisender Frauen um 1900 am Beispiel von Emma Vely und Käthe Schirmacher“ (1993) dreht sich um die Wahrnehmung des Fremden aus der (vergleichenden) Perspektive von zwei Frauenrechtlerinnen um 1900. Der Aufsatz entstand im Kontext meines Dissertationsprojekts im Fach Ethnologie, das sich mit interkulturellen Begegnungen, mit Selbstverständnissen und Fremdkonstruktionen aus der Perspektive reisender Frauen in der deutschen Kaiserzeit (1871 bis 1900) beschäftigte.[1]

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren waren reisende Frauen als Forschungsthema in der damaligen „Frauenforschung“ entdeckt worden. Verschiedene Disziplinen – Literaturwissenschaft, Ethnologie, Empirische Kulturwissenschaft, Geschichte … – förderten bemerkenswerte Selbstzeugnisse reisender Frauen zutage. Inspiriert durch die Forschungsentwicklung der Women‘s Studies in Großbritannien (mit seiner langen Kolonialgeschichte) und ihrer Beschäftigung mit den travelling ladies aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert etablierte sich auch in Deutschland bald eine Frauenreiseforschung, die Leben und Reisen vieler bekannter und weniger bekannter Frauen zutage förderte.

Eine These in der damaligen Frauenreiseforschung hielt sich hartnäckig: Reisende Frauen galten als jene, die die Konventionen durchbrachen und die sich nicht an das für sie vorgesehene Rollenklischee hielten, das sie ins Heim verbannen und an den Herd ketten wollte. Sie bestanden teils gewagte Abenteuer, ihr Mut und ihre Neugierde wurde auch noch nach 100 Jahren bestaunt und eignete sich gut zur Untermauerung des eigenen Emanzipationsideals vieler Forscherinnen. Begeistert von den Abenteuergeschichten der reisenden Frauen fühlten sich viele Forscherinnen ermuntert, sich mit diesen unternehmungslustigen Reisenden zu beschäftigen. Dies mag auch für mich persönlich zunächst der entscheidende Impuls und die ursprüngliche Motivation für die Beschäftigung mit dem Thema gewesen sein.

Als sich der Forschungszweig langsam etablierte, kamen kritischere Stimmen und neue Erkenntnisse hinzu: Zwar war der Habitus des Kolonisators und Eroberers doch männlich konnotiert, so schreckten aber offenbar auch viele Frauen in Zeiten des Kolonialismus nicht davor zurück, rassistische Klischees auf den Reisen zu reproduzieren und sich von den Fremden, Anderen zu distanzieren – die Einsicht scheint aus heutiger Sicht banal, aber umso wirkmächtiger: Offenbar waren auch Frauen „Kinder ihrer Zeit“, mit kolonialistischen Attitüden, bisweilen rassistischen Ressentiments und kritischer Distanz zu den „Fremden“. Diese Einsicht passte so gar nicht zu dem Bild, das von den reisenden Frauen sowohl in der Forschung wie auch in der populärwissenschaftlichen Literatur bis dato gezeichnet worden war.

Mich interessierte, ob reisende Frauenrechtlerinnen, die als für Diskriminierung besonders sensibilisiert gelten durften, in diesem Spannungsfeld zwischen Rollenzuschreibung und -überwindung auf der einen und Rassismus und Frauendiskriminierung auf der anderen Seite eine besondere Position einnahmen. Ich wollte wissen, ob sie anders reisten und ob sie anders auf das, was ihnen begegnete, reagierten und „irgendwie“ anders auf die fremde Welt blickten. Wie reagierten die Frauen resp. Frauenrechtlerinnen auf das „Fremde“ und welchen Einfluss nahm die Fremderfahrung auf ihr Selbstbild als emanzipierte Frau?

Ich konnte beispielhaft anhand von publizierten und nicht veröffentlichten Selbstzeugnissen zeigen, wie reisende Frauenrechtlerinnen ihre Fremderfahrungen verarbeiteten und ob das Reisen ihr europäisches emanzipiertes Selbstbild in irgendeiner Art und Weise beeinflusste. Käthe Schirmacher stellte fest, dass auf Reisen überkommene Rollenbilder nicht mehr ganz zu passen schienen, zumindest einer kritischen Selbstreflexion unterzogen werden sollten. Ausgelöst von der Konfrontation mit der „Fremde“ war sie deshalb darum bemüht, das eigene emanzipierte Ich einer Selbstvergewisserung zu unterziehen.

Denn das Reisen und die Reisemetapher bieten sich besonders an, sich einer Lebensgeschichte, einer Biographie und dem Akt der Selbstinszenierung, der jedem Autobiographie-Entwurf zugrundeliegt, zu nähern. Die Auseinandersetzung mit den Reiseaufzeichnungen Käthe Schirmachers erlaubt einen besonderen Blick auf sie als emanzipierte Frauenrechtlerin, die aber trotz möglicher, auf Reisen gemachter Irritationen offenbar ihrem westlichen Wertekanon verpflichtet blieb. Der Kontext der interkulturellen Begegnung ermuntert zwar offenbar zur Selbstreflexion, prägt (und affirmiert) die Identitätskonstruktion der reisenden Frauenrechtlerin aber auf besondere Art und Weise.

In der Relektüre des Aufsatzes, den ich vor mehr als 20 Jahren geschrieben habe, fällt mir besonders auf, wie die Fremd- und Selbstbeschreibungen der reisenden Frauenrechtlerinnen die Kulturgebundenheit ihres emanzipierten Ichs, trotz aller Ambivalenzen, freilegen und vor dem Hintergrund der gemachten Fremderfahrung (und der gleichzeitigen Bewertung und gelegentlichen Abwertung des Fremden) ihr Selbstbild als Frauenrechtlerin gestärkt wird. Am Beispiel des Mechanismus‘ der Selbstinszenierung der Reisenden als emanzipierte Frau im Spiegel der Reisetexte konnte die Verschränkung unterschiedlicher Identitätskategorien – gender, race, class – in einem vermachteten internationalen Raum gezeigt werden – also genau das, was heute mit dem Konzept der „Intersektionalität“ beschrieben wird.


[1] Ulla Siebert, Grenzlinien. Selbstrepräsentationen von Frauen in Reisetexten. 1871 bis 1914, Münster/New York 1998.


Zitierempfehlung:

Ulla Siebert, ‚Aus aller Herren Länder.‘ Reiserfahrungen von Käthe Schirmacher, in: Die vielen Biographien der Käthe Schirmacher – eine virtuelle Konferenz, URL: http://schirmacherproject.univie.ac.at/die-vielen-biographien-der-kaethe-schirmacher/statements/ulla-siebert/

Biographische Notiz

Dr. Ulla Siebert
Studium: Ethnologie, Neuere Geschichte, Vergl. Religionswissenschaft in Tübingen und Paris, 1996 Promotion; 2001-2002 Wissenschaftliche Assistentin, Fachbereich Kulturwissenschaften der Universität Bremen; Schwerpunkt: Rassismusforschung, Kulturtheorie, Interkulturalität, Theorie-Praxis-Transfer, Seit 2002 Leiterin des Studienwerks der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Studien- und Promotionsförderung, Hochschul-/Wissenschaftspolitik

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