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Käthe Schirmacher im Fokus der Kulturtransferforschung

von Wolfgang Gippert

Von 2004 bis 2008 wurde am Lehrbereich für Historische Bildungsforschung/Gender History an der Universität zu Köln unter der Leitung von Frau Prof.in Dr. Elke Kleinau das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt Nation und Geschlecht. Konstruktionen nationaler Identität in Autobiographien deutscher Lehrerinnen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert durchgeführt.[1] Ausgangslage des Projektes war die Beobachtung, dass Lehrerinnen um die Jahrhundertwende äußerst mobil waren und in großer Anzahl das europäische und außereuropäische Ausland bereisten – etwa um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern, um dort nach ihrer seminaristischen Ausbildung eine erste Anstellung zu suchen oder schlichtweg aus Reise- und Abenteuerlust. Im Ausland kamen die in der Regel allein reisenden jungen Frauen mit ihnen ‚fremden‘ Kulturen in Kontakt und sie gewannen berufsbedingt weitreichende Einblicke in die ‚Fremde‘ – vor allem in fremdes Alltags- und Familienleben, aber auch in ausländische Erziehungs-, Bildungs- und Kultureinrichtungen. Von ihren Reisen berichteten die Lehrerinnen rückblickend in Zeitungsartikeln, Reiseberichten, Vorträgen, Tagebüchern und Lebenserinnerungen. Entsprechend der Erkenntnis, dass in der Konfrontation mit dem ‚Fremden’ der Blick auf ‚Eigenes’ und ‚Vertrautes’ gelenkt wird, lag dem Projekt einerseits die Arbeitshypothese zu Grunde, dass die Auslandsaufenthalte nicht etwa zu einem förderlichen Kulturaustausch, zu einem Abbau von Vorurteilen und stereotypen Fremdeinschätzungen führten, sondern dass der Kontakt mit dem ‚Fremden’ kulturelle Selbstvergewisserungsprozesse auslöste, patriotische Bewusstseinslagen stärkte und somit eher zu einer Festigung der nationalen Identität reisender Lehrerinnen beitrug. Andererseits eigneten sich die Lehrerinnen im Ausland ‚fremde Kultur’ aktiv an: durch Sprach- und Literaturstudien, Schulhospitationen, durch ihre Teilhabe am kulturellen Leben und an geselliger Konversation, durch Reisebeobachtungen, Alltagsstudien usw. Zudem fungierten sie in mehrfacher Hinsicht als ‚Kulturvermittlerinnen’ – indem sie ausländische Kinder in deutscher Sprache unterrichteten oder pädagogische Ideen aus Deutschland ins Ausland zu transferieren suchten. Die ‚Kulturvermittlung’ der Lehrerinnen erfolgte aber auch in Richtung Heimatland: Sie berichteten in Fachzeitschriften über Fortbildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen im Ausland, über innovative Ansätze im ausländischen Bildungswesen und unterstützten damit die bürgerliche Frauenbewegung in ihren Gleichstellungsforderungen. Aus diesen Kontexten heraus ergab sich für das Projekt die grundlegende Frage, wie sich fremdkulturelle Aneignungs- und Vermittlungsprozesse auf der Folie nationalkultureller Vorstellungen und Prägungen vollzogen haben.

Zu jenen Lehrerinnen, die über umfangreiche Auslandserfahrungen verfügten und diese publizistisch vielfach thematisierten, zählte auch Käthe Schirmacher: Nach ihrer Ausbildung am städtischen Lehrerinnenseminar in Danzig, einigen Anstellungen als Lehrerin und Erzieherin in Berlin und Tühringen, wurde ihr u.a. durch ein Stipendium des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins ab 1885 ein zweijähriger Studienaufenthalt an der Sorbonne in Paris ermöglicht, der die Lehrbefähigung für das höhere Mädchenschulwesen zum Ziel hatte. Trotz des erfolgreichen Abschlusses fand sie in Deutschland keine Anstellung im öffentlichen höheren Schuldienst, so dass sich die junge Frau 1888 zunächst nach England begab und dort eine Stelle als Oberlehrerin an der High School Liverpool annahm. Da Käthe Schirmacher jedoch eine Fortsetzung ihrer akademischen Laufbahn anstrebte, immatrikulierte sie sich 1893 an der Universität Zürich und promovierte zwei Jahre später in Romanistik, deutscher Literatur und Philosophie. Mit dem Auftrag eine populärwissenschaftliche Biographie über Voltaire zu verfassen verlegte sie 1895 erneut ihren Wohnsitz nach Paris – er sollte es, mit Unterbrechungen, fünfzehn Jahre lang bleiben.

Vor Ort arbeitete Käthe Schirmacher auch als Korrespondentin und Essayistin für zahlreiche deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften und schrieb u.a. Abhandlungen zu volkswirtschaftlichen und außenpolitischen Fragen, in denen sie immer wieder auch das deutsch-französische Verhältnis thematisierte. Paris, so ließe sich annehmen, erscheint als geeignetes Lebenszentrum für eine international agierende Persönlichkeit wie Käthe Schirmacher. Doch ihr Verhältnis zu Paris war von tiefgreifenden Ambivalenzen gekennzeichnet. Angesichts der konfliktreichen deutsch-französischen Beziehungen machte sie verletzende Erfahrungen von Abwehr und Fremdheit: So klagte sie in ihrer Autobiographie darüber, dass man in der deutschen Botschaft weder ihre Vorschläge zur Verbesserung der ‚deutschen Kolonie’ in Paris aufnahm, noch ihre Warnungen hinsichtlich der französischen Außenpolitik hören wollte. Auch weigerten sich ab 1907 die Zeitschriftenredaktionen ihre Arbeiten, die zunehmend konservative und völkisch-nationale Züge aufwiesen, weiterhin zu veröffentlichen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eröffnete Käthe Schirmacher neue Aufgabenfelder: Sie verlegte ihren Wohnsitz nach Berlin, arbeitete dort als Vortragsrednerin und Schriftstellerin, agitierte für verstärkten nationalen Zusammenhalt und rief zur Unterstützung der deutschen Kriegsführung auf. Für das Auswärtige Amt und das preußische Kultusministerium verfasste sie mehrere Denkschriften, in denen sie u.a. über die Situation der Lehrerinnen in Paris referierte, Vorschläge zur Förderung des ‚Nationalen’ in Schule und Gesellschaft unterbreitete und Entwürfe zur Wahrung und Verbreitung der deutschen Kultur nach Beendigung des Krieges ersann.

Diese Schriften waren für unser Projekt besonders aufschlussreich, da sich Schirmacher in ihren Ausführungen explizit auf ihre langjährigen Erfahrungen in Paris bezog. Die Kulturtransferforschung, in deren Frage- und Erkenntnishorizont unsere Analysen der Auslandserfahrungen u.a. gestellt sind, beschäftigt sich in der Regel mit der Übertragung und dem Austausch von Denkweisen, Wissen und Ideen, Methoden, Technologien und Verfahren sowie Gütern, Produkten und Personen über Grenzziehungen hinweg. Der Ansatz thematisiert, aus welchen Motiven heraus ‚fremdes‘ Wissen erworben, nach welchen Kriterien es ausgewählt und zu welchen Zwecken die erworbenen Informationen verwendet wurden. Das Ergebnis eines Transfers kann jedoch sehr verschieden ausfallen: von der Annahme fremder Verhaltens- und Deutungsmuster über die Auswahl einzelner Elemente und ihrer Umdeutung bis hin zur bewussten Zurückweisung.

Beispielhaft lässt sich Käthe Schirmachers Auseinandersetzung mit der ‚Alliance française’ anführen. Dem 1883 ins Leben gerufenen, staatlich geförderten Verein für auswärtige französische Kulturpolitik, der in Paris u.a. Sprachkurse für deutsche Lehrerinnen anbot, war sie besonders abgeneigt, da dieser einer vermeintlichen ‚Französisierung‘ der deutschen Kultur Vorschub leisten würde. Als Gegenmaßnahme – und dies ist ein überraschender Transfereffekt – empfahl sie die Gründung eines dem Modell der ‚Alliance française’ entsprechenden ‚Weltbundes für Deutschkultur‘, der die kulturelle Vorherrschaft Deutschlands weltweit sichern sollte.

Anhand der Schriften von Käthe Schirmacher, die als Lehrerin, Journalistin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin fast 20 Jahre lang in Paris lebte und die zu vielen Fragen des deutsch-französischen Verhältnisses Stellung bezogen hat, lassen sich die ambivalenten Vorstellungen von ‚Fremdheit’ und ‚Eigenheit’ u.a. mit Blick auf die zeitgenössischen Konstruktionen unterschiedlicher ‚Nationalcharaktere’ exemplarisch erhellen.


[1] Die Ergebnisse sind gesammelt veröffentlicht in: Wolfgang Gippert/Elke Kleinau, Bildungsreisende und Arbeitsmigrantinnen. Auslandserfahrungen deutscher Lehrerinnen zwischen nationaler und internationaler Orientierung (1850 – 1920). Köln u.a. 2014.


Zitierempfehlung:

Wolfgang Gippert, Käthe Schirmacher im Fokus der Kulturtransferforschung, in: Die vielen Biographien der Käthe Schirmacher – eine virtuelle Konferenz, URL: http://schirmacherproject.univie.ac.at/die-vielen-biographien-der-kaethe-schirmacher/statements/wolfgang-gippert/

Biographische Notiz

PD Dr. Wolfgang Gippert ist Erziehungswissenschaftler und arbeitet am Lehrbereich für Historische Bildungsforschung/ Gender History an der Universität zu Köln. Von 2004 bis 2008 war er Mitarbeiter im DFG-Projekt „Nation und Geschlecht. Konstruktionen nationaler Identität in autobiographischen Zeugnissen deutscher Lehrerinnen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bildungs- und Gendergeschichte, der Biographie- und Kulturtransferforschung.

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