Logo der Universität Wien

Engagement und Professionalisierung. Käthe Schirmacher (1865-1930) – Selbstentwürfe zwischen radikaler Frauenbewegung und völkischem Nationalismus

Um 1900 suchten in Europa und Nordamerika viele Frauen aus bürgerlichem Milieu nach neuen gesellschaftlichen Positionierungen: junge weibliche Mittelschichtsangehörige strömten zunehmend auf die Arbeitsmärkte und wiesen traditionelle Lebensentwürfe zurück. Die Ursachen dafür sind in den gravierenden sozialstrukturellen Umbrüchen der sich entwickelnden Industriegesellschaften mit ihren wiederkehrenden Krisen zu suchen. Wurden unter dem topos der „Frauenfrage“ damit verbundene Gegensätze politisch verhandelt, so spiegelte sich in Begriffen wie jenem der „modernen Frau“ die Suche nach Modellen weiblicher Individualität, die von den Frauenbewegungen angestoßen wurde, aber in weitaus größeren gesellschaftlichen Kontext Resonanz, aber auch Widerstand fand.

Ziel des hier vorgeschlagenen Projektes ist es, Diskurse und Konfliktfelder zu analysieren, die im Kontext der von Frauenrechtsaktivistinnen angestrebten Transformation der hegemonialen weiblichen Subjektivierungsweise Bedeutung erlangten. Die in diesem Zusammenhang entwickelten Forschungsfragen sollen exemplarisch anhand von Biographie und Werk der 1865 in Danzig geborenen Frauenrechtsaktivistin und späteren völkischen Nationalistin Käthe Schirmacher untersucht werden. Die Fallstudie zu einer Protagonistin, die als eine der ersten Frauen Deutschlands ein Doktorat erwarb und als unabhängige Buchautorin und Journalistin ihr Leben verdiente, wird innovative Thesen und Ergebnisse in mehreren Forschungskontexten erbringen. Sie wird zur Frauenbildungs- und Berufsgeschichte beitragen und dabei neue Thesen zur Durchsetzung des Universitätsstudiums von Frauen und ihrer Integration in höhere Berufe sowie insbesondere zur Geschlechtergeschichte des Journalismus erlauben. Sie wird überdies differenzierte Einsichten sowohl in die internationale Frauenbewegungsgeschichte ermöglichen als auch neue Perspektiven auf die Geschichte nationalistischer Bewegungen in Deutschland am Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnen. Die Analyse der umfangreichen wissenschaftlichen, literarischen und journalistischen Schriften von Käthe Schirmacher wird differenzierte Einblicke in spezifische Interpretations- und Deutungsmuster im Kontext dieser unterschiedlichen Bewegungen eröffnen. Zentrale Fragen des Projektes werden dabei u.a. auf Geschlechterkonzepte und unterschiedliche Formulierungen der „Frauenfrage“ wie auch auf die Zunahme nationalistischer und rassistischer Identifikationen in öffentlichen Diskursen vor dem Ersten Weltkrieg fokussieren.

In Verbindung mit diesen thematischen Perspektiven wird das Projekt die theoretische Reflexion biographischer Forschung in einem interdisziplinären Kontext vorantreiben. Ausgehend von Konzepten, wie sie unter anderem in der Frauen- und Geschlechtergeschichte entwickelt wurden, werden neuere Zugangsweisen biographischer Forschung und Darstellung diskutiert und für eine theoretisch reflektierte Einbeziehung biographischer Perspektiven in die Geschichte sozialer Bewegungen wie auch in die Bildungsgeschichte plädiert werden. Das Projekt wird methodisch-theoretisch an einen aktuellen Vorschlag zur Verbindung diskursanalytischer und biographischer Ansätze anknüpfen und dabei einen besonderen Fokus auf die Analyse von Selbstentwürfen und autobiographischen Texten und die ihnen innewohnenden Zeitperspektiven legen. Ziel des Projektes ist es, die Diskussion über offene theoretische und methodologische Fragen biographischer Forschung voranzutreiben und neue Formen des biographischen Schreibens zu entwickeln.


Commitment and Professionalisation. Käthe Schirmacher (1865-1930) – Self-Invention between Radical Women’s Movements and German Nationalism

Around 1900 many young middle class women in Europe and North America reached for new positions in their societies. They entered the labour markets and rejected traditional trajectories. This development was due to the dramatic economic changes and crises the developing industrial societies underwent. It did not go unnoticed: differing political positions concerning the issue where discussed under the topos of the “women’s question,” and concepts such as the “modern woman” reflected the search for new models of female individuality, a concept that was initially discussed by women’s rights activists, but soon resonated in society at large.

This project will take the biographical example of Danzig-born Käthe Schirmacher – journalist, women’s rights activist and later German nationalist politician – to discuss the discourses and conflicts surrounding the fight for a transformation of the hegemonic concept of female subjectivity. Our case study will provide relevant and innovative insight in several research contexts. Schirmacher was one of the first German women to obtain a doctorate, and she earned her living as an author of books and as a journalist. Discussing her case, we will contribute to the history of women’s integration into higher education and the professions. In particular, we will be able to develop differentiated theses on the gender history of journalism. We will also contribute considerably to the international history of women’s movements and to the analysis of nationalist movements in Germany in the early 20th century. With the analysis of Schirmacher’s extensive academic, literary and journalistic writings, we will make visible and discuss specific frames and patterns of interpretation provided in her respective political milieus. The main aim of our project will be to analyse gender concepts and the different formulations of the “women’s question” in different political milieus, and the increasing importance of nationalism and racism in public discourses before World War I.

In addition to these thematic aspects, our project will reflect on the theory and methodology of interdisciplinary biographical research. We will take up newest developments of biographical research, and complicate them with Women’s and Gender History perspectives. We will further argue for a theoretically sound inclusion of biographical perspectives in fields of research such as the history of social movements and the history of education. Methodologically, we will follow a recent proposition to connect discourse analysis and biographical research, and develop and propose an approach that systematically links the analysis of self-inventions and autobiographical texts with a special attention for different concepts and perspectives of temporality. By discussing theoretical and methodological questions of biographical research in interdisciplinary contexts, our project will open up new ways of biographical writing.

Laufzeit: 01.07.2013 – 30.06.2016, verlängert bis 30.06.2017
Finanzierung: FWF (Projektnummer P 25705-G16)
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0