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Strategische Kommunikationen - konflikthafte Beziehungen. Neue Perspektiven auf bürgerliche Frauenbewegungen um 1900


Corinna Oesch
Der Modus des Inter/Nationalen in Frauenbewegungen: »Lost in transnationalism«?

Westlich geprägte Frauenbewegungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts organisierten sich im Modus des Inter/Nationalen, d.h. lokale Vereine wählten den Anschluss an nationale Dachverbände, die sich selbst wiederum sogenannten „internationalen“ Vereinigungen anschlossen. Diese Art der Organisierung ging mit spezifischen Kommunikationsformen einher, die an der Herstellung des „Internationalen“ in Frauenbewegungen wesentlichen Anteil hatten. Der internationale Austausch zwischen Frauenrechtlerinnen wurde als eine vielversprechende Strategie in der Durchsetzung der Ziele erkannt, er trug zur Ausbildung einer internationalen Kultur bei und beförderte mitunter Identifikationen mit dem Internationalen.

Eine Mitgliedschaft in einer der internationalen Frauenorganisationen setzte allerdings eine Teil-Organisation voraus, die den Vertretungsanspruch für Frauen eines Staates oder einer Nation erheben konnte. Diese Vorbedingung war auf Nationalstaaten maßgeschneidert und zog dementsprechend Schwierigkeiten für Aktivistinnen aus jenen Ländern nach sich, die dem Ideal des Nationalstaates nicht entsprachen, wie etwa die nach nationaler Unabhängigkeit strebenden Länder der Habsburgermonarchie. Daraus lässt sich die These ableiten, dass das Konzept inter/nationaler Frauenbewegungen auch dazu beitrug, das Nationale zu einer Vorbedingung des Internationalen zu erheben und nationale Identifikationen zu verstärken.

In meinem Beitrag möchte ich Konflikten und Strategien im Umgang mit der inter/nationalen Organisiertheit von Frauenbewegungen nachgehen, die als paradigmatisch für Internationalismen um 1900 gelten können, und sie mit Reflexionen zu einer transnationalen Geschichte in Verbindung setzen.


Birgitta Bader-Zaar
Kommunales versus parlamentarisches Wahlrecht? Strategieentscheidungen österreichischer und deutscher Frauenorganisationen ab den 1890er Jahren

In der Forschung zur Geschichte des Frauenwahlrechts ist bisher die Tatsache wenig diskutiert worden, dass sich die Frauenwahlrechtsbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts international genau überlegte, welche Form politischer Gleichberechtigung vorrangig einzufordern war – allumfassend auf parlamentarischer oder doch vorerst ‚nur‘ auf kommunaler Ebene. Dies hängt mit der generellen Vernachlässigung politischer Rechte auf der kommunalen Ebene zusammen und ist wohl vor allem auf eine Wahrnehmung des parlamentarischen Wahlrechts als Fundament staatsbürgerlicher Gleichberechtigung zurückzuführen.

Welche Motivation Frauenorganisationen dazu veranlasste, vorrangig für das kommunale Wahlrecht einzutreten (oder eben nicht), scheint von verschiedenen Faktoren abhängig gewesen zu sein: 1) Vor dem Hintergrund eines Diskurses über das Kommunale als quasi-privater Raum mag die Forderung des Kommunalwahlrechts als weniger ‚radikal‘ als das parlamentarische Wahlrecht erschienen sein. 2) Aktuelle Debatten zum Thema sowie spezifische politische Interessen, aber auch 3) ideologische Vorgaben, so bei der Sozialdemokratie, können die Verfahrensweisen beeinflusst haben.

Dem Aushandeln der Strategieentscheidung soll in diesem Beitrag auf die österreichische Reichshälfte der Habsburgermonarchie und Deutschland konzentriert, jedoch unter Einbeziehung der internationalen Netzwerke der Frauenbewegungen, nachgegangen werden.


Elisa Heinrich
Prekäre Beziehungen? Zur Transformation frauenbezogener Lebensmodelle um 1900

Ausgangspunkt des vorgeschlagenen Referats wird das um 1900 auch von vielen Frauenbewegungsaktivistinnen praktizierte Beziehungsmodell der Lebensgemeinschaft mit einer anderen Frau sein. Den sich verändernden, gesellschaftlichen Rahmen für dieses Beziehungsmodell bildet die verstärkte Diskursivierung sexualwissenschaftlichen Wissens, die ab der Jahrhundertwende neue Identitätslogiken und Kategorisierungsmöglichkeiten bzw. –zwänge schuf. Es wird der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die steigende Definitionsmacht sexualwissenschaftlicher und psychoanalytischer Theorien ab den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auf die Frauenbewegung und insbesondere auf jene Frauenbeziehungen hatte und welche Formen des Umgangs mit diesen sich finden lassen.

Eine These des Beitrags wird sein, dass es für Frauenpaare dieser Zeit drängender wurde, sich zu bestimmten sexualwissenschaftlichen Identifikationsangeboten in Beziehung zu setzen und dass diese Entwicklung zu Konflikten und Spaltungen innerhalb der Frauenbewegung führte. Als eine zu untersuchende Konfliktzone wird die in Deutschland zum Teil auch in Frauenbewegungskontexten geführte Debatte um die Ausdehnung des Paragraphen 175, der den geschlechtlichen Verkehr zwischen Männern unter Strafe stellte, auf Frauen dienen.


Johanna Gehmacher
Reisekostenabrechnung. Kulturen und Ökonomien des Reisens im Milieu bürgerlicher Frauenbewegungen um 1900

Kongresse und Sommerfrischen, Vortragsreisen und Fortbildungskurse – in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Umfeld der in Europa aufblühenden Frauenbewegungen eine neue vielfältige Frauenreisekultur, die einer beträchtlichen Zahl von Frauen ermöglichte, fern familiärer Zusammenhänge und vielfach auch unter Vernachlässigung bürgerlicher Konventionen unterwegs zu sein. Die translokale und transnationale Vernetzung von politischen und sozialen Initiativen, die Professionalisierung von Frauen insbesondere als Lehrerinnen, die in spezifischen Rhythmen von Arbeits- und Freizeit ihren Ausdruck fand, aber auch die differierenden Bildungsmöglichkeiten für Frauen in unterschiedlichen europäischen Staaten waren Motoren dieser Entwicklung. Ausdruck fand dies etwa in universitären Sommerkursen für deutsche Lehrerinnen in England, aber auch in einer Vielzahl von über Zeitschriften bekanntgemachten Sommerpensionen, in denen weibliche Pensionsgäste gleichgesinnte Frauen in ähnlichen Lebenssituationen treffen konnten, oder auch in familiär basierten Formen der Unterbringung von Konferenzbesucherinnen und Vortragsreisenden in europäischen Städten.

Der geplante Beitrag thematisiert Organisationsformen und Effekte solcher Praktiken. Strategien der Netzwerkbildung werden dabei ebenso angesprochen wie Formen des Kulturtransfers. Ein besonderer Fokus soll auf Fragen der Ökonomie liegen: Welche Strategien hatten unterschiedliche Organisationen und einzelne Protagonistinnen zur Finanzierung ihrer Reisetätigkeit? Welche (monetären und nichtmonetären) Ressourcen wurden mobilisiert, welche Hierarchien und Konflikte traten dabei möglicherweise zutage?

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