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Redebeitrag zu Hanna Hackers Frauen* und Freund_innen

Johanna Gehmacher
Zur Buchpräsentation von Hanna Hacker, Frauen* und Freund_innen. Lesarten "weiblicher Homosexualität" in Österreich 1870-1938, Wien 2015

14. 1. 2016, Aula Universität Wien

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde und Freundinnen, liebe Hanna!

Hanna Hackers Buch Frauen und Freundinnen, das nach Lesarten „weiblicher Homosexualität“ in Österreich 1870-1938 fragt, zählt zu den Standardwerken feministischer Geschichtswissenschaft und es ist daher ein großer Gewinn, dass es nun wieder erhältlich und durch die pointierten Relektüren der Autorin auch in aktuelle theoretische Bezüge eingebettet ist.

Hanna hat mich gebeten, für diese Präsentation etwas darüber zusagen,

„Wie sich gegenwärtige feministische Historiografie Frauenbiografien und Frauenzusammenhängen nähert.“

Daran knüpfen sich die – in der hier gebotenen Kürze selbstverständlich nicht wirklich  beantwortbaren – Fragen nach der Einordnung von „Frauen und Freundinnen“ in die feministische Historiografie und nach dem im Buch gewählten Umgang mit biografischem Material.

Ich will dieser Anforderung vorerst mit einer topografischen Erinnerung an einen Ort ausweichen, an den manche von Ihnen sich sicher noch erinnern, den andere aber wohl nicht mehr kennengelernt haben: die Buchhandlung Frauenzimmer in der Langen Gasse, in der ich viele Jahre gearbeitet habe.

Die große Abteilung Biografien war gleich beim Eingang – Biografien wurden gerne als unverdächtiges Muttergeschenk zu Weihnachten angenommen, zumal von Kundinnen, die zum ersten Mal da waren. Was sich zwischen den Buchdeckeln entfaltete, erschien wohl – in die Ordnung des kulturell vertrauten biografischen Modells eingefügt – allenthalben als passabel, allenfalls als eine bedeutungsvoll auf das Leben der Schenkerin verweisende Erzählung, aber doch: exemplarisch, nicht bedrohlich. Und an diesem Rand des Geschäftslokals blieben auch manche Besucherinnen lange stehen.

Um vorzudringen zu Lesben/Theorie und Lesben/Romane und Lesben/Krimis – so unsere Regalschildchen damals –, musste eine sich weiter ins Innere der Buchhandlung vorwagen – manche ging schnurstracks dort hin. Dazwischen erstreckten sich als Verbindung und Puffer zwischen den beiden Kund_innengruppen die breiten Regale der Romane und der Geschichte: an den Rändern dieser beiden Felder ließen sich die unterschiedlichen Zugriffe auf die un/mögliche Fragen nach Geschlecht und Identität, nach Passagen und  Transgressionen trefflich einordnen.

Die Frage nach der „gegenwärtigen feministischen Historiografie“ verweist auf die Geschichte der historischen Frauenforschung, der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der feministischen Geschichtswissenschaft. Damit ist ein weites Feld angesprochen, denn seit der – nur langsam in den historischen Disziplinen wahrgenommenen – Ankunft der Fragen nach Frauen, nach Geschlecht, nach Gender wurden ganze  Bibliotheken gefüllt und die Fragestellungen haben sich ebenso wie die theoretischen Zugriffe breit ausdifferenziert. Ich kann mich – um einen anderen Bücherort zu nennen – gut erinnern, wie am Institut für Geschichte die Signatur „1000“ in der „F-Abteilung“ mit einem kleinen Fest begangen wurde. Dies nicht zuletzt um den weiteren regen Ankauf von Büchern in diesem Feld zu motivieren. Und dank einer der Ankaufschronologie folgenden Aufstellung der Bände kann ein Besuch dieser Abteilung im Oberstübchen der Bibliothek wahlweise zur nostalgischen Tour oder zum historiografiegeschichtlichen Seminar werden.

Diese Reise in die Vergangenheit öfters zu unternehmen, dazu würde ich Sie und Euch gerne anregen, denn an die Pionier_innen der immer noch so jungen Forschungsperspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung, der Gender Studies, der Queer Studies anzuknüpfen, das  scheint mir außerordentlich wichtig. Ich sage das aus der Beobachtung einer häufig auftretenden Leerstelle, die wie ich glaube sowohl mit Nähe als auch mit Ferne zu tun hat: nicht selten finde ich bei jungen Autor_innen, dass außer einigen wenigen kanonisierten Texten kaum ältere feministische Arbeiten genannt werden. Wenn ich nachfrage, dann scheinen mir die Antworten oft darauf hinzudeuten, dass manche Positionen so sehr als Selbstverständlichkeiten angeeignet wurden, dass die Autorin gar nicht mehr wahrnimmt, dass eine bestimmte Perspektive, These oder Begrifflichkeit doch eigentlich erst vor wenigen Jahrzehnten von benennbaren Forscher_innen und oder politischen Aktivist_innen entwickelt und ausformuliert wurde. Das ist die eine Seite, die der Einverleibung.

Die andere Seite ist einer – beglückenderweise – nach wie vor sehr dynamischen theoretischen Entwicklung geschuldet, die in einer Abfolge von Abgrenzungsbewegungen zum Ausdruck kommt, die immer wieder als ganz ungangbar erscheinen lassen, was gerade eben noch als legitime Frage, als brauchbares theoretisches Instrumentarium galt. Problematisch kann daran der oft enge, bisweilen tunnelhaft anmutende Blickwinkel der Kritik werden, durch den nur mehr in den Fokus gerät, was gestern noch als neueste Lösung im eigenen theoretischen oder politischen Feld galt, das heute aber schon ganz ungenügend, projektiv oder ideologisch – schlimmstenfalls: essentialistisch – erscheint. Solch dekontextualisierende Zuspitzung unterliegt selbst einer Suggestion des Fortschritts, der schon darin bestünde, immer nur abzustoßen, was nicht mehr ganz passt: als „Erinnerungsbruch“ und „Rezeptionssperre“ hat Hanna Hacker dieses Gestus pointiert benannt.

Dem gegenüber könnte es auch ein Zeichen von Souveränität – wenn eine so will, von „Erwachsenwerden“ feministischer, queerer Perspektiven – sein, anzuerkennen, dass wir auf den Schultern vieler mutiger Denker_innen stehen, auch wenn wir manches nicht so wie sie machen, andere Fragen stellen und andere Begriffe verwenden würden. Es gilt, wie ich glaube, mit einer gewissen Gelassenheit abzuwägen, woran eine anknüpfen kann, was es anders zu machen gilt, was sich transformieren lässt. Hanna Hackers nun neu aufgelegtes Buch gibt uns Gelegenheit dazu, zumal ihre pointierten Relektüren, die in die einzelnen Kapitel einführen, den Leser_innen ein Stück weit die Übersetzungsarbeit abnehmen, uns aber vielleicht auch Anregungen für andere Unternehmungen der Relektüre in der großen Bibliothek der frauen- und geschlechtergeschichtlichen, der queergeschichtlichen Forschung geben können. So gesehen kann meine Antwort auf die Frage nach der Historiografiegeschichte nur eine Aufforderung zu engagierten Relektüren sein.

Der zweite Aspekt der Frage, die Hanna mir gestellt hat, betrifft die Biografie. Das ist eine sehr freundliche Frage, denn sie verweist auf meine eigenen Fragen in einem biografischen Projekt zu der politisch so divergent einzuordnenden Aktivistin Käthe Schirmacher, die in den 1980er Jahren als ‚eine der wenigen offen lesbisch lebenden Frauen in der alten Frauenbewegung‘ entdeckt und eingeschrieben wurde – eine Konstruktion, die wir in unserer Arbeit dekonstruieren müssen. Wir, das sind Corinna Oesch, die sich mit Kommunikationsordnungen und Konflikte in inter/nationalen Frauenbewegungen beschäftigt, Elisa Heinrich, die gegen/hegemoniale Lebensentwürfe und Beziehungsformen in den Blick nimmt und ich, die ich auf Topografien und Selbstentwürfe eines Reiselebens fokussiere. Hanna Hacker ist dankenswerterweise als Kooperationspartnerin Teil des unterstützenden Netzwerks dieses Projekts.

Angesichts von Hannas Fragen nach der Biografie ist mir aufgefallen, dass sie in ihren Arbeiten zwar immer wieder mit biografischen Elementen arbeitet, Biographemen, wenn man so will, aber der – wie ich inzwischen meine durchaus gefährlichen – Verlockung eines großen biografischen Projektes nie erlegen ist. Ich habe sie daher in der Vorbereitung gefragt, ob sie sich je so ein Projekt überlegt hat. Sie hat das für die Phase, als sie das hier zu feiernde Buch schrieb, verneint, dann aber gemeint, ein Weile lang habe sie eine ausführliche biografische Annäherung an eine Figur doch sehr gereizt, nämlich an die  französische ‚Duellantin‘ Gisèle d'Estoc, von der ja nie klar gewesen sei, ob bzw. ‚wie‘ es sie überhaupt gegeben hat.

Mit dieser Formulierung hat sie ins Zentrum feministischer Theoriebildung zur Biografie getroffen. Denn die hat sich damit auseinanderzusetzen, dass die Autobiografie, auf die jedes biografische Begehren zurückzuführen ist, als kulturelle Praxis der Herstellung eines einheitlichen Subjekts männlich definiert, an die Kontinuität des Eigennamens gebunden und daher ‚eigentlich‘ für Frauen nicht zu haben ist. Wie Esther Marian so luzide ausgeführt hat, steht das feministische Projekt der Biografie daher immer vor dem Widerspruch, dass es zum einen gilt, die Ideologie des bürgerlichen Subjekts zu dekonstruieren, dass es aber zum anderen darum gehen muss, jenen  Sichtbarkeit – und damit Biografien – zu verschaffen, die nicht Teil dieses ideologischen Projektes männlicher Identitätsbildung waren.

So kann ich zum einen Autobiografie verstehen als ein strategisches Produkt auf spezifischen Markplätzen, wo Autobiografen ihr Selbst mit ihrem Werk in einer Marke zusammenführen. Ich kann die Biografie als wohlfeilen Kitsch der Ideologie des Individualismus dekonstruieren, ich kann sie aber auch als einen Schauplatz begreifen, auf dem die Ambivalenzen politischen Handelns untersucht werden können, einen Schauplatz, auf dem eben genau die Frage zu untersuchen ist, wer sich wann als Individuum und damit als potentielles politisches Subjekt etablieren kann. Liz Stanley hat auf die Widersprüche der feministischen Biografie mit der Forderung nach einer Dezentrierung des Fokus geantwortet, sie spricht von einem anti-spotlight approach.

Wir knüpfen in unserem Projekt zu Käthe Schirmacher ein Stück weit daran an, wenn wir unsere Protagonistin in ihren so unterschiedlichen Netzwerken thematisieren. Wir wollen aber darüber hinaus auch klar machen, dass es eine Biografie gar nicht geben kann, dass vielmehr zu jeder Person eine Vielzahl von Biografien geschrieben werden können und müssen. Wir wollen das in unserer Arbeit explizit machen, indem wir mehrere Perspektiven auf Käthe Schirmacher entwickeln und in ihrer Differenz und auch Widersprüchlichkeit sichtbar machen. Darüber  hinaus ist es uns ein Anliegen auch jene Biografien und biografischen Splitter sichtbar zu machen, die zu unserer Protagonistin schon geschrieben wurden. Und so haben wir Autoren und Autorinnen von zum Teil bereits vor Jahrzehnten geschriebenen Texten gebeten, ihre Aufsätze einer Relektüre zu unterziehen und sie uns gemeinsam mit kommentierenden Statements für eine virtuelle Konferenz zur Verfügung zu stellen – das Ergebnis, „Die vielen Biografien der Käthe Schirmacher“ können sie als erstes Modul unseres Projektes auf unserer Homepage nachlesen.

Einen früheren Text sichtbar zu machen und ihn zugleich einer Relektüre zu unterziehen, das ist auch das Projekt des hier vorzustellenden Buches. Das Werk ist das gleiche wie das von 1987 und es ist doch ein anderes, das ist schon am Titel zu sehen: aus Frauen und Freundinnen sind die Frauen mit Asterisk und Freundinnen mit Unterstrich geworden. Die dem ersten Buch zugrundeliegende Dissertation von 1985 aber hieß: „Die Ordnung der Frauen und Freundinnen. Zur Rekonstruktion homosozialer Handlungsmuster und ihrer institutionellen Kontrolle. (Österreich, 1870-1938)“. Die SprachBrüche, die dabei sichtbar werden, sind, wie ich glaube, nicht bloß ästhetische Varianten. Sie erinnern uns vielmehr daran, dass Sprache vom unausgesetzten Bemühen getragen ist, ihre Objekte umfassen zu können, die ihr doch notwendig entgleiten müssen. Und so ist Geschichtsschreibung nicht zuletzt dieses: ein unendliches Übersetzungsprojekt, in dem die in Sprache abgelagerten Konzepte früherer Zeiten zugleich dekonstruiert und neu umschrieben werden müssen. Das autobiografische Projekt der Relektüre eigener Texte aber entbirgt die Brüchigkeit des biografischen Modells ebenso sehr wie die  Unabschließbarkeit des Begehrens, Worte zu finden, die unsere Wirklichkeiten erfassen.

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