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Frauenrechtlerin auf dem rechten Flügel der DNVP

von Raffael Scheck

Käthe Schirmacher begegnete mir erstmals im Kontext meiner Doktorarbeit über Grossadmiral Alfred von Tirpitz und die deutsche Rechte 1914-1930.[1] Schirmacher unterstützte 1917-18 die Vaterlandspartei, eine von Tirpitz und Alfred Kapp gegründete rechtspopulistische Sammlungsbewegung. Es fiel mir damals auf, dass einige führende Männer der Vaterlandspartei, besonders Mitglieder des Alldeutschen Verbandes, scharf ablehnende Bemerkungen machten über die politische Mobilisierung der Frauen. Anfangs schien es mir, als gehe es hier um Widerstand gegen Frauen der Linken und gegen die Forderung eines demokratischen Wahlrechtes. Dann wurde mir aber klar, dass sich die alldeutschen Herren über die Mitwirkung von Frauen in ihren eigenen Reihen entrüsteten.

Mit Tirpitz hatte Schirmacher wenig zu tun. Ihre direkte Mitarbeit in der Reichsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) war relativ kurz und fiel in die frühe Zeit (1919-1920), in der Tirpitz, wenn auch weltanschaulich der DNVP nahestehend, eigentlich eher über eine ausserparlamentarische Sammlung von rechtsstehenden Verbänden nachdachte und sich in diesem Sinn engagierte (er stolperte erst im Frühling 1924 als Kanzlerkandidat der DNVP und als Gegenspieler Stresemanns in die DNVP). Aber die Ressentiments gegen die politische Aktivität rechter Frauen im Kontext der Vaterlandspartei (wenn auch nicht explizit von Tirpitz geteilt) inspirierten mein zweites Forschungsprojekt über die politisch aktiven Frauen in den rechtsstehenden Parteien der Weimarer Republik.[2]

Meine Arbeit handelte von den Frauen in der DNVP und der Deutschen Volkspartei (DVP), die politisch besonders hervortraten. Viele von diesen Frauen wurden Volksvertreterinnen in der Nationalversammlung, dem Reichstag und in verschiedenen Länderparlamenten. Man denke nur daran, dass der Frauenanteil in der DNVP-Fraktion im einflussreichen preußischen Landtag zeitweise um zehn Prozent lag! Das war zwar niedriger als der Frauenanteil in den Fraktionen der Linksparteien, lässt sich aber doch im nationalen und internationalen Vergleich noch bis in die 1970er Jahre hinein durchaus sehen. Frauen, egal ob Parlamentarierinnen oder nicht, engagierten sich auch in den Druckschriften und in vielen Kommissionen dieser Parteien – auf nationaler wie auch auf regionaler Ebene. Die Frauen in der DVP und DNVP entwickelten ein reichhaltiges und weit verzweigtes politisches Vereinsleben. Ich versuchte zu zeigen, dass diese Frauen in ihren immer mehr von Interessenpolitik zerfressenen Parteien hartnäckig an einer übergreifenden Vision der Volksgemeinschaft als harmonischer Zusammenarbeit von Klassen und Berufsgruppen festhielten und sich von konzentrierter Interessenpolitik für Frauen distanzierten.

Käthe Schirmachers Annäherung an völkisch-radikalnationalistische Positionen vollzog sich bereits vor 1914, also außerhalb des Blickwinkels meiner Arbeit. Im Ersten Weltkrieg setzte sie sich unter anderem für die Anerkennung des Beitrages der Hausfrau zur Kriegsanstrengung ein. Sie forderte einen obligatorischen Frauendienst, der besonders die Hausfrau zu effizienter Haushaltsführung, Gartenhaltung und Kindererziehung drillte – die Hausfrau quasi militarisierte. Wie sie sich ausdrückte, war der Kochlöffel im “Hungerkrieg” eine ebenso wichtige Waffe wie das Gewehr.[3] Die Möglichkeit, dass ihre Heimatstadt Danzig von Deutschland abgetrennt und die Provinz Westpreußen an Polen kommen sollte, radikalisierte ihren Nationalismus und Rassismus. Schirmacher vertrat den Wahlkreis Danzig-Westpreußen in der Nationalversammlung 1919-20, während ihre Freundin Klara Schleker die DNVP im mecklenburgischen Landtag vertrat und dort sogar Alterspräsidentin wurde.[4] Nachdem Schirmachers Wahlkreis für Deutschland verlorenging und die Parteiführung ihr keine andere aussichtsreiche Position anbieten wollte, suchte Schirmacher keinen Parlamentssitz mehr. Sie blieb aber im “Völkischen Reichsausschuss der DNVP” aktiv und publizierte regelmäßig in den Zeitschriften der DNVP und ihrer Frauenorganisationen. Ihr Nachlass und besonders die Druckschriften-Sammlung der Staatsbibliothek preußischer Kulturbesitz in Berlin (im alten Gebäude “Unter den Linden”), die ich damals intensiv auswertete, enthalten viele ihrer Aufsätze und Reden im Rahmen der DNVP.

Trotz ihres früheren Einsatzes für Bezahlung der Hausarbeit und für eine Anerkennung der “nationalen” Rolle der Hausfrau im Krieg fand Schirmacher kein entspanntes Verhältnis zu den anderen führenden Frauen der Partei, die immer stärker in den Sog der einflussreichen aber in Bezug auf die Rolle der Frau konservativeren Hausfrauenverbände gerieten.[5] Gleichzeitig sahen die führenden Frauen der DNVP aber bewundernd zu Schirmacher auf. Gegen Ende ihres Lebens inspirierte sie eine neue Generation von radikal-völkischen Nationalistinnen in der DNVP, die 1930-33 ihre Partei immer stärker in die Nähe der NSDAP zogen, ohne allerdings auf Gegenliebe zu stoßen.[6]

In der Weimarer Republik positionierte sich Schirmacher vor allem als hasserfüllte Rachepolitikerin gegen Versailles. Zwar war der Hass auf den Versailler Vertrag weit verbreitet. Aber Schirmachers Ablehnung von Versailles war zutiefst von einem extremen Rassismus gegen Polen, Franzosen und Afrikaner geprägt. Sie stand in vorderster Linie in der Hetzkampagne gegen die Präsenz von französischen Kolonialtruppen im Rheinland (die sogenannte “Schwarze Schmach”). Sie sprach, wie 1940 der “Stürmer”, von einem “vernegerten Frankreich” und half somit den Boden bereiten für die von Hitler und Goebbels gestartete Hasskampagne gegen Frankreichs Kolonialtruppen, die im Mai und Juni 1940 Massaker an schwarzen Gefangenen inspirierte und “legitimierte”.[7] Sie sah den Wiederaufstieg Deutschlands an die Reinhaltung und ‚Aufnordung‘ der Rasse gebunden. Und dennoch vertrat sie in der DNVP so konsequent fortschrittliche Positionen in Bezug auf Frauenrechte, dass ich damals Schirmacher als das frauenrechtlerische Gewissen der DNVP-Frauen empfunden habe.[8]

Natürlich erscheinen diese Positionen als schmerzlicher Widerspruch. Aber vergessen wir nicht, dass viele Männer, die ab 1933 als Ärzte, Professoren und hohe Verwaltungsbeamte die völkisch-nationalistischen Ideen in grausige Realität umsetzten, wie Schirmacher eigentlich einen kosmopolitischen Hintergrund hatten und intelligent und gebildet waren.


[1] Raffael Scheck, Alfred von Tirpitz and German Right-Wing Politics, 1914-1930. Studies in Central European Histories, Atlantic Highlands/New Jersey 1998.

[2] Raffael Scheck, Mothers of the Nation: Right-Wing Women in Weimar Politics, Oxford/New York 2004.

[3] Käthe Schirmacher, Frauendienstpflicht, Bonn 1918.

[4] Raffael Scheck, Women in the Non-Nazi Right during the Weimar Republic: The Case of the German Nationalist People's Party (DNVP), in: Paola Bacchetta/Margaret Power, Hg., Right-Wing Women Across the Globe, London/New York 2002, 146.

[5] Siehe dazu Andrea Süchting-Hänger, Das "Gewissen der Nation": Nationales Engagement und politisches Handeln konservativer Frauenorganisationen 1900 bis 1937, Düsseldorf 2002.

[6] Raffael Scheck, Zwischen Volksgemeinschaft und Frauenrechten: Das Verhältnis rechtsbürgerlicher Politikerinnen zur NSDAP 1930-33, in: Ute Planert, Hg., Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne, Frankfurt am Main/New York 2000.

[7] Raffael Scheck, Hitlers afrikanische Opfer. Die Massaker der Wehrmacht an schwarzen französischen Soldaten, übers. von Georg Felix Harsch, Hamburg/Berlin 2009.

[8] Siehe dazu auch Christiane Streubel, Radikale Nationalistinnen. Agitation und Programmatik rechter Frauen in der Weimarer Republik, Frankfurt/New York 2006, 196.


Zitierempfehlung:

Raffael Scheck, Frauenrechtlerin auf dem rechten Flügel der DNVP, in: Die vielen Biographien der Käthe Schirmacher – eine virtuelle Konferenz, URL: schirmacherproject.univie.ac.at/die-vielen-biographien-der-kaethe-schirmacher/statements/raffael-scheck/

Biographische Notiz

Raffael Scheck, geboren 1960 in Freiburg im Breisgau, ist Katz Distinguished Teaching Professor of History am Colby College in Waterville, Maine (USA). Er ist Autor von fünf Büchern zur deutschen Geschichte 1871-1945. Sein neuestes Buch ist *French Colonial Soldiers in German Captivity During World War II* (Cambridge University Press, 2014). Im Moment arbeitet er an einem Projekt über die verbotenen Beziehungen französischer Kriegsgefangener und deutscher Frauen im Dritten Reich.

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